Auszug aus

Max Winter

Ein Tag in Ottakring

Wie das Volk lebt

I: Arbeiter-Zeitung Nr. 284 vom 16. 10. 1901

Bei einem Perlmutterdrechsler. Das Tagwerk ist im Gange. Die Männer sind in der Arbeit, die Frauen gehen, soweit nicht auch sie an einen Arbeitsplatz in der Fabrik gekettet sind, ihren häuslichen Beschäftigungen nach: sie gehen einkaufen oder sie sind draußen auf der Hängstatt. Es gibt deren viele in den unverbauten Bezirkstheilen. Frauen mit runzeligen, verwaschenen Händen hängen dorthin die Wäsche zum Trocknen, die sie schon am Morgen, vielleicht auch in der Nacht gewaschen haben. Die Kinder sind in der Schule, nur das Geschrei der ganz Kleinen dringt aus den Häusern mit den vielen Wohnungen, den Ottakringer Zinsburgen. Die Straßen haben ihr Alltagsgesicht. Das Leben des Proletariats spielt sich nun in den Häusern ab. Wer etwas sehen will, muß in sie eindringen.

In einem der älteren Häuser der Enenkelgasse, dort wo sie schon in die ehemaligen Schottengründe verläuft, versuche auch ich mein Glück. Ueber eine Steinstiege mit ausgetretenen Stufen gelange ich in das erste Stockwerk vor eine wohl seit einem Menschenalter nicht frisch gestrichene Tür, auf der ein Täfelchen mir Auskunft gibt, dass ich gefunden, was ich gesucht.

N.N.
Perlmutterdrechslermeister.

So steht es auf der Tafel. Ich klopfe und trete ein. Hendelgegacker empfängt mich. Durch eine nur vom Gang belichtete Küche, in deren rechter Ecke ein zerbröckelnder Herd steht, gelange ich in die Werkstätte. Sieben Drehbänke füllen den zweifenstrigen Raum, in dem einige Hühner derart lärmen, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Der Meister frägt nach meinem Begehr und gibt gern Auskunft, da ich ihm als Zweck meines Kommens sage: «Sehen möchte ich, wie es bei einem Perlmutterdrechsler zugeht.» Vier Bänke sind unbesetzt. An einer dreht der Meister, die anderen beiden treten Gehilfen. Ich winde mich bis zu ihrem Arbeitsplatz durch und sehe ihnen zu. Sie machen Deckenknöpfe. Der eine ist gerade beim Façondrehen. Knopf um Knopf setzt er an den Holzfutterschluß an und hält dann den Façonstahl an den rotirenden Knopf. Weißlicher Staub spritzt weg. Seine feineren Theilchen schwängern die Luft und finden so den Weg in die Lungen, die gröberen fallen auf die Drehbank oder auf den Boden und überziehen alles mit einer weißen Schichte, dem berüchtigten Perlmutterstaub. Die Drehbänke, der Fußboden, dessen Weichholzdielen übrigens da und dort vom Zahn der Zeit zernagt sind, die Kleider, die Menschen, alles ist Ablagerungsstätte für den Staub. Auch auf das Gitterbett ohne Netzgitter hat sich der Staub gelegt, und das Bettzeug, die mager gefüllte «Federritten» aus rotem Inlett, über die keine Tuchent gezogen ist, muß den Staub aufnehmen, der so lange erzeugt wird, so lange die Spindeln schnurren.

Der zweite Gehilfe ist beim Löcherbohren. Der Meister selbst ist ganz von seinem Kleinviehzüchtergeschäft in Anspruch genommen. «So, dei Eierl hast g’legt,» sagt er zu einer schwarzen Henne, «jetzt kannst abigehn; ksch, ksch, ksch…» er klatscht in die Hände. Das Hendl flieht geschreckt hinter die letzte Drehbank. …ga, ga, ga, ga, ga. Es missversteht die gute Absicht seiner Eigners. «Gehen S’, Franz, fangen S’ m’r die schwarze Henn’ ab, wanns bei Ihna vorbei will.» Diese Worte gelten dem Façondreher. Der bückt sich und treibt mit Klatschen und einigen «ksch, ksch» die Henne dem Meister zu, der unter eine Drehbank gekrochen ist. Er erwischt sie und trägt sie auf den Gang, wohin schon eine «G’scheckerte» geflohen ist. «So,» sagt er im Gehen zu ihr, «jetzt wirst m’r kane Eier mehr vertragen.»

Nun stellt sich auch der Meister zur Drehbank. Er geht den Muschelschalen mit dem Durchmarschbohrer zu Leibe. Rotirend dringt der scharf gezahnte Kronbohrer in die Schale und schneidet Knopfscheibe um Knopfscheibe heraus, die dann durch den Bohrer und Spund in das «Durchmarschfassel» gelangen, von wo sie in die untergesetzte Wanne fallen.

Während er so Knopf um Knopf bohrt, erzählt er mir von seinen und der anderen Perlmutterdrechsler Leiden. «Wir können mit ’n Großen und mit ’n Kleinen nicht konkurriren. Die Großen stecken den Schwindel mit der g’färbten Waar’ heraus, die den schwarzen Knopf, die anzige gut’zahlte Waar’ ganz verdrängt, und die Klan’, die Hausg’sell’n, verschleudern ihr’ Arbeit, weil’s nix z’fress’n hab’n, so billig an ’n Juden, daß der billiger dem Exporteur liefern kann wie unseraner. Zwanz’g, dreiß’g solche machen bald an großen Master aus. Schau’n S’mi an wia i dasteh’. Sieben Bänk hab’ i herunt, drei am Boden, aber i hab’ nur für zwa G’sell’n Arbeit. Der Verdienst is klan, die Zinsen san groß, die Lebensmittel san theuer. In der Großstadt is halt schwer zum existir’n, kaum daß zum Furtkummen is…»

Er macht eine Pause, bläst den Rauch des «Ordinären» weg und fährt dann fort: «Viel san die Master a selber schuld. Schau’n S’ unser Rohstoffhalle an, wie dö z’grund’ geht. Wia das Institut ins Leben treten is, hat a jeder an der Spitze sein woll’n, weg’n dö dreißig Gulden Remuneration, dö der Obmann alle Monat kriagt hat. Was is denn das, dreißig Gulden? Und do hat si a jeder drum g’riss’n, und weil’s net a jeder kriagt hat, war das Kind a Todtgeburt. Die Händler war’n a schlau, hab’n a Zeitlang mit Schad’n g’arbeitet, damit’s die Master d’erhalten. Da hat die Rohstoffhalle net mitgehn können. Und heut hab’n si alle Kundschaften verloffen. I glaub’ net, daß no zehne unt einkaufen than von – vierhundert. Der Händler gibt ’n Master a an Kredit, und die Rohstoffhalle steht drauf an. Da muaß all’s per Kassa kauft werd’n. Sie is halt schwach auf der Brust, trotz dö zwanzigtausend Gulden Subvention, was s’ kriagt hat. Da san aber nur die Master schuld.

Hör’n S’ m’r auf mit unsere Master! I bin nur neugierig, was bei die Hemdknöpflmacher in Meidling ’rauskummen wird. Ob s’ ’n Streik do aushalten werd’n? Viel gib i net drauf. A Glück is nur, daß die G’sell’n so fest stengan. Dö geb’n auf kan Fall nach und da müass’n die Master mit, ob’s woll’n oder net. Allanig war’ns z’schwach. Wenn die Master net so wia die Arbeiter dastehn in ihrer Organisation, könnens allan nix machen. Der Hunger treibt s’ wieder z’ruck.»

Wie er so recht ins Erzählen gekommen war, hatte er seine Arbeit unterbrochen. Nun schiebt er sich wieder die Brille zurecht, wischt sich den Staub aus dem ehemals blonden, über die Lippen hängenden Schnurrbart, langt nach dem Bohrzangl, das den ausgezackten Rest der Muschel hält, und tritt wieder scharf drauf los, daß das Schürzenende flattert.

«Also nix für ungut, Herr Meister, daß i Ihna so lang auf’ghalten hab’.» – «Ka Ursach! ’s hat mi g’freut, daß si a um uns amal wer umschaut. Geb’n S’ acht, daß S’ net fall’n bei der Thür; weg’n dö Hendln muaß m’r so viel Kramuri umstehn lass’n.» – «Mein Kompliment, Adieu!» – Draußen bin ich. Ich athme erleichtert auf, da ich wieder auf der Straße stehe.

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